Felix hat die Medikamente abgesetzt

Vor kurzem war Felix mit seiner Oma für eine Woche in einem Kloster (mit vielen jungen Leuten, Leben in der Gemeinschaft, gemeinsames Singen und diskutieren etc.) Als sie wieder zu Hause ankamen und die Oma seine Wäsche waschen wollte, fand sie in seiner Hosentasche 7 Tabletten Abilify… er hat also auf der gesamten Reise seine Medikamente nicht genommen. Sie hat jedoch jeden Tag die Tabletteneinnahme kontrolliert und war auch davon ausgegangen, dass er sie genommen hat. Kurz danach wurde ein Langzeit-EKG gemacht, das Ergebnis wissen wir noch nicht. Bis vor ein paar Wochen hat Felix zusätzlich zum Abilify noch Fluanxol bekommen und der Arzt hatte – nachdem der Puls immer so niedrig war, das Fluanxol abgesetzt. Das anschließende EKG war geplant und sollte eigentlich Aufschluss darüber geben, ob das Fluanxol die Bradykardie verursacht hat. Da Felix ja nun eigenmächtig das Abilify auch abgesetzt hat, lässt sich das leider nicht mehr feststellen.

Am Tag vor der Reise hatte ich noch einmal mit Felix telefoniert und es ging ihm nicht besonders gut. Er antwortete stark zeitverzögert und ein paar mal lachte er, ohne für mich erkennbaren Grund. Ich sprach ihn darauf an und fragte ihn, ob er Stimmen hören würde. Er sagte, das würde er mit seinem Arzt besprechen und dass er gelacht habe, sei nicht zutreffend. Ich fragte ihn, ob er meint, dass es ihm gut genug geht für die Reise, er wusste es nicht genau, sagte er. Ich ermutigte ihn, die Reise nur dann anzutreten, wenn er sich stabil genug fühlt, aber sie sind dann trotzdem am nächsten Morgen gefahren.

Während der Reise habe ich ein paar Mal mit der Oma telefoniert – Felix selbst wollte mich nicht sprechen. Seit besagtem letzten Telefonat wollte er mich überhaupt nicht mehr sprechen. Vielleicht will er nicht, dass ich bemerke, dass es ihm schlechter geht. Vielleicht war es ihm auch unangenehm, dass ich ihn auf die Stimmen angesprochen habe. Von Mitarbeitern in der therapeutischen WG habe ich kurz vorher erfahren, dass Felix von seinen Stimmen erzählt hat. Mit mir will er offenbar nicht darüber sprechen.

Von der Oma erfuhr ich, dass Felix während der Reise immer weniger gesprochen, immer zeitverzögerter geantwortet hat und auch viel lachen musste. Nach der Reise telefonierte Felix kurz mit einer Tante, weil er das Telefon meiner Oma abgehoben hatte. Dieser Tante beantwortete Felix nur am Anfang des Telefonates zwei Fragen, danach reagierte er gar nicht mehr, auch dann nicht, als die Tante darum bat, das Telefon an die Oma zu übergeben. Felix blieb einfach schweigend am Telefon und reagierte nicht – erst nach mehrmaligem Auffordern nach einigen Minuten übergab er das Telefon dann doch an die Oma. Ich kenne solche Situationen gut – so etwas habe ich oft mit Felix erlebt. Die Psychose scheint wieder voll da zu sein.

Nächste Woche hat Felix einen Termin bei seinem Psychiater, und ich glaube nicht daran, dass er Felix dazu bringen wird, die Medikamente wieder zu nehmen. Das therapeutische Wohnheim will den Vertrag für Felix nicht verlängern, weil Felix sich nicht integrieren will, im Oktober läuft der Vertrag aus. In ein paar Wochen soll es eine Art „Helferkonferenz“ mit Felix zusammen geben, in der beraten werden soll, wie es weitergeht, wo Felix danach wohnen kann. Felix will zu seiner Oma ziehen und erzählt das auch seit Wochen allen in der therapeutischen WG – mit der Oma hat er das allerdings nicht abgesprochen. Die Oma hatte eigentlich gesagt, dass Felix nicht mehr bei ihr wohnen kann, weil sie sonst selbst krank wird. Bis zu diesem Gespräch wird es Felix vermutlich so schlecht gehen, dass er gar nicht mehr daran teilnehmen kann.

Ich sehe die nächsten Wochen schon vor mir und mir wird ganz schlecht: Felix wird wieder nicht freiwillig in die Klinik gehen, irgendwann kommt die Katatonie wieder und er wird wieder zwangseingewiesen, zwangsbehandelt… das alles wird sich wieder über viele Monate hinziehen. Es geht also wohl alles wieder von vorne los. Er tritt auf der Stelle. Es war schon immer schwierig, Felix davon zu überzeugen, dass er Medikamente nehmen soll. Jetzt wird es garantiert noch schwerer, weil er nun annehmen wird, dass Abilify und Fluanxol den zu langsamen Herzschlag verursacht haben.

Ich fühle mich schlapp und leer, wenn ich an all das denke. Es ist zum Verzweifeln.

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Neuigkeiten – es gibt uns noch

Felix wurde vor ca. 9 Monaten entlassen und wohnt seitdem in einer therapeutisch betreuten WG. Er bekommt Abilify und Fluanxol, hört Stimmen und muss seit einiger Zeit oft ohne ersichtlichen Grund lachen. Aber sonst geht es ihm eigentlich gut, zumindest bis vor ein paar Wochen. Seitdem hat er starke Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Positiv ist, dass er immer mehr darüber spricht, wie er sich fühlt und was ihm alles durch den Kopf geht. Natürlich ist er ziemlich verzweifelt über alles, seine Wohnsituation und seine berufliche/ ausbildungstechnische Zukunft. Wir haben viele gute Gespräche und ich versuche immer wieder, ihn zu ermutigen.

Nun bin ich erneut in großer Sorge. Vor einigen Wochen beim Mittagessen wurde Felix erst schwarz vor Augen, dann fiel er vom Stuhl und war ohnmächtig. Zum Glück haben ihn seine Tischnachbarn aufgefangen, so dass er sich nicht verletzt hat. In der therapeutisch betreuten Wohngemeinschaft, in der er lebt, gibt es eine Krankenschwester – sie hat einen sehr niedrigen Puls gemessen. Felix wurde mit dem Krankenwagen in die Ambulanz gefahren und gründlich körperlich untersucht. Es wurde nichts gefunden und er konnte wieder nach Hause fahren. Kurz danach wurde ein Langzeit-EKG gemacht, was ebenfalls nichts auffälliges ergeben hat. Vor ein paar Tagen dann gab es wieder einen Vorfall: erst sah er Sternchen und musste sich dann sehr plötzlich übergeben. Sein Puls lag bei 52… und heute morgen war Felix beim Hausarzt und musste ein EKG machen, weil er einen Puls von 44 hatte. Der Arzt will nun mit dem behandelnden Psychiater sprechen und ich warte sehr nervös und unruhig auf das Ergebnis.

Nun frage ich mich, ob der langsame Puls eine Nebenwirkung der Neuroleptika ist. Und wenn ja, was dann?

 

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Ein Jahr später….

Vor über einem Jahr wurde Felix zwangseingewiesen. Für heute nur eine kurze Zusammenfassung, was seitdem geschehen ist:

Felix blieb fünf Monate in der Klinik, die Behandlung schien erfolgreich zu sein – so schien es zunächst. Er wurde in eine betreute Einrichtung entlassen und fuhr eine Woche später zu seiner Großmutter, wo er dann einige Wochen blieb. Drei Monate später wurde er erneut in eine Klinik zwangseingewiesen, aus der er nach drei weiteren Monaten wieder entlassen wurde. Heute sind wiederum drei Monate vergangen. Ich bin sicher, es ist nicht schwer zu erraten, was heute passiert ist.

Ja, richtig, heute wurde er wieder in die Psychiatrie eingewiesen – er fuhr zwar freiwillig mit, doch unter Androhung von Konsequenzen und mit Unterstützung der Polizei – der Antrag für die Unterbringung ist schon verfasst. Das wäre dann die 6. Zwangseinweisung. Seit fünf Jahren, seit Ausbruch seiner ersten Psychose, hat Felix wesentlich mehr Zeit innerhalb als außerhalb der Psychiatrie verbracht.

Mir fehlen ein wenig die Worte – denn auch ich bin inzwischen sprachlos geworden. Vor fünf Jahren dachte ich noch, wenn er doch nur zum Arzt ginge und endlich behandelt würde… ich glaubte, er müsse nur die richtigen Medikamente bekommen und dann würde auch die Einsicht kommen, sie zu nehmen und es würde ihm besser gehen. Und jetzt?

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Entlassung naht

Felix ist seit über drei Monaten in der Klinik auf der geschlossenen Station. Er darf inzwischen stundenweise allein in den Garten und in Begleitung auch drei Stunden in den „Ausgang“, das heißt, auf  die Straße. Zuerst, also vor drei Monaten, wurde er zwangsbehandelt mit Fluanxol-Spritzen, doch schon bald stellten sie auf orale Medikation um, die er unter täglicher Androhung von Spritzen – und anfangs nur dann – widerwillig einnahm. Zwischendurch war er ganz eifrig bei der Medikamentenaufnahme, er schaute bei einem meiner Besuche öfter auf die Uhr und ging von selbst zur richtigen Uhrzeit zum Pflegerzimmer, um seine Medikamente abzuholen. Ich dachte schon, nun hat er es akzeptiert, dass er sie nehmen muss…

Ursprünglich endete die Unterbringung in der Klinik heute, d.h. er wäre beinahe heute entlassen worden, aber vor etwa einer Woche stellte sich bei einer Blutkontrolle heraus, dass der Medikamentenspiegel nicht stimmt. Ich bekam mit, wie der Arzt mit Felix darüber sprach, dass nach Aufzeichnungen der Pfleger Felix oft direkt nach Einnahme der Medikamente den Kopf weggedreht habe. Inzwischen wurde er übrigens von Fluanxol auf Risperdal umgestellt. Als ich später noch einmal versuchte, mit Felix über den Medikamentenspiegel zu sprechen, beteuerte er, alle Medikamente ordnungsgemäß genommen zu haben, er könne sich das nicht erklären.

Später an diesem Tag hatten Felix, der behandelnde Arzt und ich ein sehr ausführliches Gespräch über Felix’s Zukunft nach der Entlassung. Der Arzt fragte Felix, wie es ihm inzwischen gehen würde. Felix sagte, es ginge ihm schon viel besser und er sei wieder fit. Der Arzt bohrte weiter nach und wollte wissen, welche Zukunftspläne Felix hat, wie er seine Tage gestalten will und was Felix fehlten könnte, um wieder ein selbstständigeres Leben führen zu können. Es ging vor allen Dingen um Felix’s Passivität in allen Bereichen, der Arzt meinte, zu einem selbstständigen, glücklichen Leben seien vor allen Dingen auch Kontakte zu anderen Menschen wichtig. Ihm sei aufgefallen, dass Felix gar nicht auf andere Menschen zugeht, nur seine Zeit „absitzt“ ohne sich mit irgendetwas sinnvollem zu beschäftigen oder sich über Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Der Arzt führte Beispiele von anderen Patienten an, die in den ersten zwei Wochen ihres Klinikaufenthaltes bereits eine neue Wohnung gefunden und ihre Angelegenheiten mit dem Arbeitsamt geregelt hatten.

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Sprachlos auf der geschlossenen Station

Felix stand im langen Flur der geschlossenen Station, als ich kam, bekleidet nur mit einer Badehose und einem T-Shirt. Er war sehr mager und seine Haare sehr fettig. Ich umarmte ihn, er erwiderte die Umarmung jedoch nicht und wehrte sie nach kurzer Zeit mit seinem Arm ab. Er sah mich nicht an und sagte nichts. Dann fing er an, ein paar Schritte vorzulaufen, einen Krümel vom Boden aufzuheben, ein paar Schritte zu rennen, wieder einen Krümel aufzuheben, zwischendurch hüpfte und sprang er, alles mit fließenden Bewegungen, wie ein Tanz. Dann rannte er plötzlich in sein Zimmer und schloss die Tür. Ich ging zu seiner Zimmertür, klopfte an, öffnete die Tür einen Spalt. Felix stand ganz nah bei der Tür und knallte sie mir sogleich mit Wucht vor der Nase zu. Ein lauter Knall schallte durch den Flur. Ich ging zurück zu den Stühlen gegenüber der gläsernen Pflegerkanzel, setzte mich auf einen der Stühle in dem langen grauen Flur, wartete und überlegte, was ich tun sollte.

Felix kam nicht aus seinem Zimmer heraus. Nach einer Weile ging ich zur Tür seines Zimmers, klopfte leise an, ohne die Tür zu öffnen und verabschiedete mich mit den Worten, dass ich ein anderes mal wiederkomme. Felix reagierte nicht. Ich ging an der Pflegerkanzel vorbei und bat einen Pfleger, den Türdrücker zu betätigen, damit ich die Station verlassen kann. Als ich die Ausgangstür der Station gerade öffnen wollte, kam Felix den Gang entlang auf mich zu gerannt, blieb etwa 20 Meter entfernt von mir abrupt stehen und sagte laut „Hallo!“ Ich ging ein paar Schritte auf meinen Sohn zu und sagte, dass ich nun doch noch ein wenig bleibe. Ich setzte mich auf einen der Stühle an einen kleinen Tisch, Felix setzte sich an den Tisch auf der anderen Seite des Ganges, drehte mir halb den Rücken zu und sah mich nicht an. Kurz darauf sprang er wieder auf, rannte in sein Zimmer und schloß die Tür. Ich wartete noch einen Moment ab und bat dann den Pfleger erneut, den Türdrücker für die Ausgangstür zu betätigen. In dem Moment, als ich gerade meine Hand nach der Türklinke ausstrecken wollte, kam mein Sohn wieder den Gang entlang gerannt, blieb abrupt vor dem Pflegerhaus stehen und fragte mit klarer Stimme: „können wir bitte in den Garten gehen?“ Ich verneinte, da mir der Pfleger bereits bei meinem Kommen gesagt hatte, dass Felix im Moment „schwer zu führen“ sei und nicht hinausdarf. Ich ging ein paar Schritte auf Felix zu. Der Pfleger kam dazu, blieb mit etwas Abstand neben Felix stehen und erklärte, dass der Arzt das Verlassen der Station im Moment nicht erlaubt, so stehe es in der Liste. Felix drehte den Kopf von dem Pfleger weg und streckte gleichzeitig einen Arm nach ihm aus, er beugte den ganzen Körper seitlich zu dem Pfleger hin, bis er auf einem Bein stand, berührte den Pfleger aber dabei nicht. Dann zog er seine Hand wieder zurück, stand wieder auf beiden Beinen und wiederholte seine Frage, „können Sie uns bitte aufschließen, damit wir in den Garten gehen können?“ Der Pfleger erklärte geduldig noch einmal, dass das nicht geht. Felix wendete erneut seinen Kopf von dem Pfleger weg und streckte seinen Arm nach diesem aus, ohne ihn zu berühren. Der Pfleger streckte Felix seine Hand entgegen, bis ihre Hände sich leicht berührten, Felix zog seine Hand schnell zurück. Noch ein drittes mal wiederholte sich diese Szene.

Ich kündigte an, dass ich nun gehen werde und ein anderes mal wiederkomme. Felix drehte den Kopf von mir weg. Ich fragte ihn, ob er eine Banane haben möchte. Felix streckte wortlos kurz die Hand nach mir aus, die Handfläche nach oben, ohne mich anzusehen. Ich interpretierte es so, dass er die Banane haben möchte und ging ein paar Schritte auf ihn zu, hielt ihm die Banane hin. Felix schlug mir die Banane ohne hinzusehen mit einer schnellen Bewegung aus der Hand, die Banane fiel auf den Boden. Der Pfleger sagte, das ginge nun aber zu weit, er bat mich zu gehen und begleitete mich zur Ausgangstür.

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4. Zwangseinweisung

Gerade erhielt ich einen Anruf von der Einrichtung, in der Felix zur Zeit lebt. Er wurde heute mittag eingewiesen, in die für ihn zuständige Klinik – und damit in die Klinik, von der aus er vor 1,5 Jahren in das Altenheim überwiesen wurde.

Grund für die heutige Zwangseinweisung war, dass Felix hat in den letzten Tagen in der Einrichtung, in der er z.Zt. lebt, immer wieder Durchgänge versperrt und nach jedem, der sich ihm näherte, geschlagen und getreten hat, nun habe sich die Lage zugespitzt und sie hätten den Krisendienst gerufen, nachdem Felix einen Bewohner geschlagen hat. Der Krisendienst kam mit einer Amtsärztin und sechs Polizisten, um Felix abzuholen. Felix war auf einmal ganz klar und anwesend, sagte, er wolle lieber in eine andere Klinik, in diejenige, in die wir ihn in den letzten Wochen zwei mal versucht haben, ihn zu bringen. Doch die Amtsärztin ließ sich auf keine Diskussion ein, Felix ging ohne Gegenwehr mit zum Auto und wurde in die Klinik gebracht.

 

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Felix hüpft auf die nächste Zwangseinweisung zu

Ich habe mich entschlossen, hier mal einen kurzen Zwischenstand niederzuschreiben. Ich komme mit dem Schreiben nicht hinterher, weil ich mich davor drücke, mich damit zu beschäftigen. In der Zwischenzeit ist natürlich viel passiert. Ich mache gerade eine Besuchspause, weil ich unter Schlafstörungen leide, Felix hat sich so verändert, ich – und alle anderen – kommen kaum noch an ihn heran.

Aktuell sieht die Lage so aus, dass Felix keine Medikamente mehr nimmt und kurz vor der nächsten Zwangseinweisung steht. Nachdem er wochenlang zu 90% die Einnahme der Medikamente verweigert hat – indem er sich ins Bett gelegt hat, die Augen und den Mund zugekniffen hat und nicht reagiert hat – haben sie es aufgegeben, ihm Medikamente zu geben. Die Blutabnahmen zur Kontrolle des Medikamentenspiegels verweigert er auch schon seit mindestens zwei Monaten.

Heute rief mich sein Bezugsbetreuer an, um mir mitzuteilen, dass Felix sein Handy verloren hat. Er erklärte mir, dass Felix sich nur noch hüpfender Weise fortbewegt und deswegen alles verliert. Sie hatten Felix gestern einen 10€ Schein gegeben, den Felix sofort beim Hüpfen auf dem Gartenweg verlor.

Die Zwangseinweisung hätte schon längst erfolgen sollen, aber sie verzögert sich – wieder! – weil die Akte ausgerechnet jetzt von einem Amtsgericht zu dem eines anderen Bezirkes versandt wurde. Das Versenden der Akte hat wohl etwas damit zu tun, wer die Kosten übernimmt. Diese bürokratischen Fragen müssen scheinbar immer dann geklärt werden, wenn gerade eine Zwangseinweisung ansteht. Gerade, wenn Felix sich in einer Notsituation befindet, wird die Bürokratie wichtiger als alles andere, wichtiger, als Hilfe zu leisten. Ich kann dazu nichts mehr sagen, es ist frustrierend.

Noch dazu kommt, dass Felix wieder in die Klinik zwangseingewiesen wird, von der aus er in das Altenheim entlassen wurde vor etwa 1,5 Jahren. Allerdings konnte er zu dieser Zeit aufgrund der Gesetze nicht behandelt werden. Ich kann mir vorstellen, dass es für Felix besonders schlimm sein wird, wieder ausgerechnet in diese Klinik zu müssen – ganz abgesehen davon, dass eine Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik an sich schon ein Alptraum sein muss, so stelle ich es mir zumindest vor.

Meine Mutter besucht Felix zur Zeit – so höre ich ab und zu etwas über Felix. Sie hat mir erzählt, dass Felix seit ein paar Tagen seine Jacke nicht mehr tragen kann. Er hat ihr erklärt, dass die Jacke seine Matratze an einer Stelle berührt habe, das sei der Grund, warum er die Jacke nicht mehr tragen kann. Meine Mutter hat bei ihrem letzten Besuch den Versuch gewagt, mit Felix mit dem Auto in Richtung einer psychiatrischen Klinik zu fahren. Felix hat sich auf dem Weg dorthin so stark verkrampft, dass es fast nach einem kurzen Anfall von Katatonie aussah- sie kehrte um. Felix entspannte sich auf dem Rückweg allmählich wieder und fragte sie, warum sie mit ihm in die Klinik fahren wollte. Sie erklärte ihm, es sei doch besser, wenn er freiwillig in eine Klinik ginge, als zwangseingewiesen zu werden. Felix entgegnete, er sei doch schon drei Jahre in der Psychiatrie gewesen, ob das denn immer noch nicht genug sei.

Das ist die Frage, die sich auch mir stellt, ist das immer noch nicht genug? Wenn man Felix doch nur ohne Medikamente irgendwie helfen könnte, wenn man doch ein wenig auf seine Wünsche eingehen könnte. Auf der anderen Seite – was würde passieren, wenn man ihn so ließe, nach seinem Willen und ohne Medikamente? Würde er wirklich sterben? Bei der letzten Zwangseinweisung war er kurz davor. Bei der Zwangseinweisung davor waren seine Blutwerte im lebensgefährlichen Bereich. Es scheint also das zu sein, was Felix droht, wenn man ihn nicht – gegen seinen Willen – behandelt. Es ist ein verzweifelter Teufelskreis, in den er da hineingeraten ist. Nach seinem letzten Klinikaufenthalt war er voller Energie und Pläne. Er will doch leben, also kann es nur legitim sein, ihn jetzt gegen seinen Willen zu behandeln. Oder? Mir fällt einfach keine Lösung ein. Abgesehen davon bin ich als Mutter vollkommen machtlos und hilflos.

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