Ein Jahr ohne Klinikaufenthalte

Felix war nun über ein Jahr nicht mehr in der Klinik! Ist das nicht wunderbar? Einige von euch haben mich in der Zwischenzeit angeschrieben und nachgefragt, wie es Felix denn nun ergangen ist. Ich habe die Notfall-freie Zeit genutzt, mich um mich zu kümmern und war schreibfaul. Eine sorgenfreie Zeit war es allerdings nicht, es ist mir lange Zeit schwer gefallen, nicht bei jedem Kontakt mit Felix darauf zu lauern, ob ich irgendein Anzeichen eines Rückfalls wittere. Irgendwann im Sommer 2017 passierte es zum ersten Mal, dass ich nach einem Telefonat mit meinem Sohn auflegte und im selben Moment dachte, oh, ich habe gar nicht aufgepasst, ob irgendetwas besonders oder auffällig war.

 

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Felix ist wieder in der Klinik

Ich habe ihn heute besucht. Er liegt im Bett und bewegt sich nicht, ist ganz dünn und blass, hat die Augen geschlossen. Die Pfleger sagen mir, zum Essen würde er aufstehen. Ich bekomme keinerlei Kontakt zu ihm, er reagiert nicht auf Ansprache, liegt mit geschlossenen Augen da, aber scheint nicht zu schlafen. Ich bleibe an seinem Bett sitzen und sage nichts. Dann streiche ich über die Bettdecke, dort wo seine Füße liegen und streichle sie eine Weile – er lässt es geschehen, ohne wegzuzucken, also streichele ich weiter, vielleicht ist es ihm angenehm. Er lässt sich sogar an den Händen berühren, sie sind eiskalt. Nach etwa einer Stunde bin ich wieder gegangen.

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Felix soll wieder zwangseingewiesen werden

… sagen der behandelnde Psychiater und der Betreuer, alle, die mit ihm zu tun haben. Felix spricht nicht mehr, isst und trinkt kaum noch etwas. Er steht meistens starr herum, vorwiegend im dunklen fensterlosen Flur zwischen seiner Zimmertür und der des Badezimmers. Als ich ihn besuchte, begrüsste er mich nicht, lies sich nicht anfassen. Er setzte sich schweigend mir gegenüber an den Tisch. Ich sprach ihn ein paar mal an, doch er reagierte nicht, sah mich auch nicht an. Plötzlich fragte er „Was ist das?“ – er deutete mit dem Kopf in Richtung meines Oberarms, auf dem ein Stück Tape von der Physiotherapie klebte. Ich erklärte es ihm… seine Frage blieb das einzige, was er an diesem Tag zu mir sagte.

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Felix hat die Medikamente abgesetzt

Vor kurzem war Felix mit seiner Oma für eine Woche in einem Kloster (mit vielen jungen Leuten, Leben in der Gemeinschaft, gemeinsames Singen und diskutieren etc.) Als sie wieder zu Hause ankamen und die Oma seine Wäsche waschen wollte, fand sie in seiner Hosentasche 7 Tabletten Abilify… er hat also auf der gesamten Reise seine Medikamente nicht genommen. Sie hat jedoch jeden Tag die Tabletteneinnahme kontrolliert und war auch davon ausgegangen, dass er sie genommen hat. Kurz danach wurde ein Langzeit-EKG gemacht, das Ergebnis wissen wir noch nicht. Bis vor ein paar Wochen hat Felix zusätzlich zum Abilify noch Fluanxol bekommen und der Arzt hatte – nachdem der Puls immer so niedrig war, das Fluanxol abgesetzt. Das anschließende EKG war geplant und sollte eigentlich Aufschluss darüber geben, ob das Fluanxol die Bradykardie verursacht hat. Da Felix ja nun eigenmächtig das Abilify auch abgesetzt hat, lässt sich das leider nicht mehr feststellen.

Am Tag vor der Reise hatte ich noch einmal mit Felix telefoniert und es ging ihm nicht besonders gut. Er antwortete stark zeitverzögert und ein paar mal lachte er, ohne für mich erkennbaren Grund. Ich sprach ihn darauf an und fragte ihn, ob er Stimmen hören würde. Er sagte, das würde er mit seinem Arzt besprechen und dass er gelacht habe, sei nicht zutreffend. Ich fragte ihn, ob er meint, dass es ihm gut genug geht für die Reise, er wusste es nicht genau, sagte er. Ich ermutigte ihn, die Reise nur dann anzutreten, wenn er sich stabil genug fühlt, aber sie sind dann trotzdem am nächsten Morgen gefahren.

Während der Reise habe ich ein paar Mal mit der Oma telefoniert – Felix selbst wollte mich nicht sprechen. Seit besagtem letzten Telefonat wollte er mich überhaupt nicht mehr sprechen. Vielleicht will er nicht, dass ich bemerke, dass es ihm schlechter geht. Vielleicht war es ihm auch unangenehm, dass ich ihn auf die Stimmen angesprochen habe. Von Mitarbeitern in der therapeutischen WG habe ich kurz vorher erfahren, dass Felix von seinen Stimmen erzählt hat. Mit mir will er offenbar nicht darüber sprechen.

Von der Oma erfuhr ich, dass Felix während der Reise immer weniger gesprochen, immer zeitverzögerter geantwortet hat und auch viel lachen musste. Nach der Reise telefonierte Felix kurz mit einer Tante, weil er das Telefon meiner Oma abgehoben hatte. Dieser Tante beantwortete Felix nur am Anfang des Telefonates zwei Fragen, danach reagierte er gar nicht mehr, auch dann nicht, als die Tante darum bat, das Telefon an die Oma zu übergeben. Felix blieb einfach schweigend am Telefon und reagierte nicht – erst nach mehrmaligem Auffordern nach einigen Minuten übergab er das Telefon dann doch an die Oma. Ich kenne solche Situationen gut – so etwas habe ich oft mit Felix erlebt. Die Psychose scheint wieder voll da zu sein.

Nächste Woche hat Felix einen Termin bei seinem Psychiater, und ich glaube nicht daran, dass er Felix dazu bringen wird, die Medikamente wieder zu nehmen. Das therapeutische Wohnheim will den Vertrag für Felix nicht verlängern, weil Felix sich nicht integrieren will, im Oktober läuft der Vertrag aus. In ein paar Wochen soll es eine Art „Helferkonferenz“ mit Felix zusammen geben, in der beraten werden soll, wie es weitergeht, wo Felix danach wohnen kann. Felix will zu seiner Oma ziehen und erzählt das auch seit Wochen allen in der therapeutischen WG – mit der Oma hat er das allerdings nicht abgesprochen. Die Oma hatte eigentlich gesagt, dass Felix nicht mehr bei ihr wohnen kann, weil sie sonst selbst krank wird. Bis zu diesem Gespräch wird es Felix vermutlich so schlecht gehen, dass er gar nicht mehr daran teilnehmen kann.

Ich sehe die nächsten Wochen schon vor mir und mir wird ganz schlecht: Felix wird wieder nicht freiwillig in die Klinik gehen, irgendwann kommt die Katatonie wieder und er wird wieder zwangseingewiesen, zwangsbehandelt… das alles wird sich wieder über viele Monate hinziehen. Es geht also wohl alles wieder von vorne los. Er tritt auf der Stelle. Es war schon immer schwierig, Felix davon zu überzeugen, dass er Medikamente nehmen soll. Jetzt wird es garantiert noch schwerer, weil er nun annehmen wird, dass Abilify und Fluanxol den zu langsamen Herzschlag verursacht haben.

Ich fühle mich schlapp und leer, wenn ich an all das denke. Es ist zum Verzweifeln.

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Neuigkeiten – es gibt uns noch

Felix wurde vor ca. 9 Monaten entlassen und wohnt seitdem in einer therapeutisch betreuten WG. Er bekommt Abilify und Fluanxol, hört Stimmen und muss seit einiger Zeit oft ohne ersichtlichen Grund lachen. Aber sonst geht es ihm eigentlich gut, zumindest bis vor ein paar Wochen. Seitdem hat er starke Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Positiv ist, dass er immer mehr darüber spricht, wie er sich fühlt und was ihm alles durch den Kopf geht. Natürlich ist er ziemlich verzweifelt über alles, seine Wohnsituation und seine berufliche/ ausbildungstechnische Zukunft. Wir haben viele gute Gespräche und ich versuche immer wieder, ihn zu ermutigen.

Nun bin ich erneut in großer Sorge. Vor einigen Wochen beim Mittagessen wurde Felix erst schwarz vor Augen, dann fiel er vom Stuhl und war ohnmächtig. Zum Glück haben ihn seine Tischnachbarn aufgefangen, so dass er sich nicht verletzt hat. In der therapeutisch betreuten Wohngemeinschaft, in der er lebt, gibt es eine Krankenschwester – sie hat einen sehr niedrigen Puls gemessen. Felix wurde mit dem Krankenwagen in die Ambulanz gefahren und gründlich körperlich untersucht. Es wurde nichts gefunden und er konnte wieder nach Hause fahren. Kurz danach wurde ein Langzeit-EKG gemacht, was ebenfalls nichts auffälliges ergeben hat. Vor ein paar Tagen dann gab es wieder einen Vorfall: erst sah er Sternchen und musste sich dann sehr plötzlich übergeben. Sein Puls lag bei 52… und heute morgen war Felix beim Hausarzt und musste ein EKG machen, weil er einen Puls von 44 hatte. Der Arzt will nun mit dem behandelnden Psychiater sprechen und ich warte sehr nervös und unruhig auf das Ergebnis.

Nun frage ich mich, ob der langsame Puls eine Nebenwirkung der Neuroleptika ist. Und wenn ja, was dann?

 

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Ein Jahr später….

Vor über einem Jahr wurde Felix zwangseingewiesen. Für heute nur eine kurze Zusammenfassung, was seitdem geschehen ist:

Felix blieb fünf Monate in der Klinik, die Behandlung schien erfolgreich zu sein – so schien es zunächst. Er wurde in eine betreute Einrichtung entlassen und fuhr eine Woche später zu seiner Großmutter, wo er dann einige Wochen blieb. Drei Monate später wurde er erneut in eine Klinik zwangseingewiesen, aus der er nach drei weiteren Monaten wieder entlassen wurde. Heute sind wiederum drei Monate vergangen. Ich bin sicher, es ist nicht schwer zu erraten, was heute passiert ist.

Ja, richtig, heute wurde er wieder in die Psychiatrie eingewiesen – er fuhr zwar freiwillig mit, doch unter Androhung von Konsequenzen und mit Unterstützung der Polizei – der Antrag für die Unterbringung ist schon verfasst. Das wäre dann die 6. Zwangseinweisung. Seit fünf Jahren, seit Ausbruch seiner ersten Psychose, hat Felix wesentlich mehr Zeit innerhalb als außerhalb der Psychiatrie verbracht.

Mir fehlen ein wenig die Worte – denn auch ich bin inzwischen sprachlos geworden. Vor fünf Jahren dachte ich noch, wenn er doch nur zum Arzt ginge und endlich behandelt würde… ich glaubte, er müsse nur die richtigen Medikamente bekommen und dann würde auch die Einsicht kommen, sie zu nehmen und es würde ihm besser gehen. Und jetzt?

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Entlassung naht

Felix ist seit über drei Monaten in der Klinik auf der geschlossenen Station. Er darf inzwischen stundenweise allein in den Garten und in Begleitung auch drei Stunden in den „Ausgang“, das heißt, auf  die Straße. Zuerst, also vor drei Monaten, wurde er zwangsbehandelt mit Fluanxol-Spritzen, doch schon bald stellten sie auf orale Medikation um, die er unter täglicher Androhung von Spritzen – und anfangs nur dann – widerwillig einnahm. Zwischendurch war er ganz eifrig bei der Medikamentenaufnahme, er schaute bei einem meiner Besuche öfter auf die Uhr und ging von selbst zur richtigen Uhrzeit zum Pflegerzimmer, um seine Medikamente abzuholen. Ich dachte schon, nun hat er es akzeptiert, dass er sie nehmen muss…

Ursprünglich endete die Unterbringung in der Klinik heute, d.h. er wäre beinahe heute entlassen worden, aber vor etwa einer Woche stellte sich bei einer Blutkontrolle heraus, dass der Medikamentenspiegel nicht stimmt. Ich bekam mit, wie der Arzt mit Felix darüber sprach, dass nach Aufzeichnungen der Pfleger Felix oft direkt nach Einnahme der Medikamente den Kopf weggedreht habe. Inzwischen wurde er übrigens von Fluanxol auf Risperdal umgestellt. Als ich später noch einmal versuchte, mit Felix über den Medikamentenspiegel zu sprechen, beteuerte er, alle Medikamente ordnungsgemäß genommen zu haben, er könne sich das nicht erklären.

Später an diesem Tag hatten Felix, der behandelnde Arzt und ich ein sehr ausführliches Gespräch über Felix’s Zukunft nach der Entlassung. Der Arzt fragte Felix, wie es ihm inzwischen gehen würde. Felix sagte, es ginge ihm schon viel besser und er sei wieder fit. Der Arzt bohrte weiter nach und wollte wissen, welche Zukunftspläne Felix hat, wie er seine Tage gestalten will und was Felix fehlten könnte, um wieder ein selbstständigeres Leben führen zu können. Es ging vor allen Dingen um Felix’s Passivität in allen Bereichen, der Arzt meinte, zu einem selbstständigen, glücklichen Leben seien vor allen Dingen auch Kontakte zu anderen Menschen wichtig. Ihm sei aufgefallen, dass Felix gar nicht auf andere Menschen zugeht, nur seine Zeit „absitzt“ ohne sich mit irgendetwas sinnvollem zu beschäftigen oder sich über Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Der Arzt führte Beispiele von anderen Patienten an, die in den ersten zwei Wochen ihres Klinikaufenthaltes bereits eine neue Wohnung gefunden und ihre Angelegenheiten mit dem Arbeitsamt geregelt hatten.

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